Maghreb

 

Das marokkanische Mädchen Malika und die „freien“ europäischen Frauen

Ich treffe das Mädchen Malika, als ich während eines Business Trips in Marrakesch den lokalen Schuster um die Ecke meines Hotels aufsuchen muss. Ihr Vater spricht kein Französisch, sie hingegen schon. So ergibt sich eine erfrischende Unterhaltung. Malika ist ganz aufgeregt, sie zeigt mir ihr altes verkratztes kleines Samsung Handy und ihr Profil auf Facebook. Ihr goldenes Tor in eine andere Welt. Sie strahlt, als sie sagt, sie lerne so viel über das, was es „da draußen“ noch alles gibt. Zwischenzeitlich hat mich ihre Mutter in die Küche hinter der Schusterei geholt. Wir sitzen auf kleinen Schemeln, trinken gesüßten schwarzen Minztee. Neben den beiden sind noch Tanten und Schwestern anwesend. Nur Frauen. Von ihnen spricht einzig Malika Französisch. Es ist bereits später Vormittag. Die Hausarbeit der Frauen ist getan. Malika zeigt mir ihr Familienhaus. Es besteht aus wenig Zimmern. So teilt sie sich einen Schlafraum mit ihrer Familie. Ich blicke auf Matten und Wolldecken. Die Nächte in Marrakesch können erstaunlich frisch sein. Als ich Malika frage, was sie eines Tages werden möchte, antwortet sie „frei sein“, so wie die „europäischen Frauen“ fügt sie hinzu.

Malika ist die einzige Tochter des Schuster, die in Marrakesch eine weiterführende Schule besucht. Ihre ältere Schwester wurde mit 15 Jahren bereits verheiratet. Malika ist 14 Jahre alt. Sie ist aufgeweckt, besitzt einen neugierigen Geist und ist stark lebensfroh. Im Laufe unseres Gesprächs fragt sie mich, ob es stimmt, dass Frauen in Deutschland unverheiratet bleiben dürfen. Sie hat diese Information aus dem Internet. 

Ich reiste wegen eines internationalen M&A Business Projekts mehrere Male jeweils über einen längeren Zeitraum nach Marokko. Das Land kannte ich von Privatreisen bereits vorab. Während dieser Privatreisen sind auch die Bilder von dem Land und dessen Personen, bis auf das von Malika, entstanden. Der künstlerische Reichtum Marokkos beeindruckt mich genauso stark wie mich die Situation der Frauen im Land betrübt. Zwar brauchen Frauen seit einer existentiellen Rechtsreform im Jahr 2003 keinen Vormund mehr. Auch die Polygamie zugunsten des Mannes wurde eingeschränkt und das Mindestalter für eine Eheschließung offiziell auf 18 Jahre hochgesetzt. Bis dahin galten Frauen nämlich auch in Marokko als für „lebenslang minderjährig“, d. h. sie besaßen nur einen eingeschränkten Rechtekatalog. Neben Tunesien gilt Marokko heute als eines der emanzipiertesten Länder der arabischen Welt. Und doch ist das Delta zur Egalität der Geschlechter weiter erschreckend groß.

Geschriebene Rechtssätze sind eine Sache. Recht anzuwenden, Gesellschaften und Glaubenssätze nachhaltig zu ändern eine völlig andere. Bis heute werden junge Mädchen im zarten Alter der Pubertät verheiratet. Oft mit älteren Männern. Und oft trifft es junge Mädchen vom Land, die dann zum Vollzug der Ehe in die Stadt ziehen müssen. Sie dienen dort regelmäßig als private Sexgespielte, sorgen für Nachwuchs, pflegen den Haushalt, werden ins Haus verbannt. Das „moderne“ marokkanische Recht wird kaum bis gar nicht gelebt. So fehlt es den Mädchen und Frauen bereits an entsprechendem Wissen, da die Mehrzahl der Frauen in traditionellen Familien leben, die die Muster ihrer Vorfamilien und damit auch die Rolle der Frau unreflektiert wiedergeben. Darüber hinaus besteht typischerweise auch eine finanzielle Abhängigkeit dem Ehemann oder der Familie gegenüber. Ein wesentlicher Treiber für das Gefühl, an der aktuellen Situation nichts ändern zu können. Schließlich geht es auch der Freundin und Nachbarin nicht anders. Oft mangelt es an Rollenbildern für andere Lebensformen.

In Marokko können mehr als 60% der Frauen weder schreiben noch lesen. Es gibt Statistiken, nach denen sogar bis zu 90 % der Frauen in ihrem Leben noch nie ein Klassenzimmer betreten haben. Ihnen fehlt Zugang zur Bildung. Erschreckend. Bildung ist essenziell. Für die fachliche aber auch persönliche Lebensentwicklung. Gerade für Frauen. Auch um in der Lage zu sein, sich zu positionieren, sich – wenn notwendig – zu wehren und ihren eigenen Lebensweg einzuschlagen. Beispiele starker Frauen wie das der Geschwister Chab mit ihrem Frauenrestaurant Al Fassia in Marrakesch, die digitale Transparenz der Welt mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten, der Wunsch der kleinen Malika nach Freiheit und einem eigen bestimmten Leben basierend auf dem Wissen, dass so etwas überhaupt möglich ist – all das ist notwendig und erforderlich, um aus einem auf dem Blatt bereits verhältnismäßig emanzipiertem Land Marokko ein Land mit weitergehender Vorbildwirkung auch für andere Staaten und deren Bewohner zu machen. Auf geht‘s!