Bull Jumping Ceremony

Ich reiste nach Südäthiopien, auch um der „Bull Jumping Ceremony“ beiwohnen zu können. Es handelt sich um einen Initiationsritus der Hamar, einer noch sehr traditionell lebenden Ethnie. Mit großem Glück konnte mein Fahrer tatsächlich via Buschtrommeln ausfindig machen, in welchem der Dörfer die nächste Zeremonie stattfinden wird. 

Bereits von der Ferne höre ich lautes Schreien weiblicher Stimmen, die von Blechinstrumenten begleitet werden. Die Frauen bewegen sich rhythmisch, eine von ihnen hält gar ein Gewehr in Richtung Himmel. Während des Tanzes wird eine Kalebasse mit Alkohol von einer Frau zu der nächsten weitergereicht. Die tanzenden Frauen zielen nun einen Punkt leicht außerhalb des Dorfinneren an, ich folge ihnen und blicke auf eine Ansammlung von Männern, die im Schatten des Busches ebenfalls Alkohol zu sich nehmen. Dann plötzlich tritt eine junge Frau hervor, die sich stolz reckt und sich schreiend provozierend vor die Männergruppe stellt. Erst jetzt bemerke ich, dass die Männer lange, dünne und stark biegsame Gerten in der Hand halten. Die Provokation dauert nicht lange an. Schon holt ein erster junger Mann mit der Gerte nach hinten aus und lässt diese mit lautem Knall so nach vorne schnalzen, dass der Rücken der Frau von einem starken Peitschenhieb getroffen wird. Die anderen Frauen steigen nun in den Tanz vor den Männern ein. Auch das junge Mädchen, das als erste bereits ausgepeitscht wurde, schreit weiter provozierend auf die Männer ein. Ich sehe wie eine Peitsche nach dem anderen knallt, sehe Haut aufgrund des starken Schlages platzen, Blut fliessen. Auch ältere Frauen, deren Rücken bereits alte wulstige Narben am Rücken aufweisen, beteiligen sich nun. Mir stockt der Atem. Die Frauen scheinen keinen Schmerz zu spüren. Liegt es an dem Alkohol, an den rhythmischen Klängen, dem Gesang oder der Trance? Vielleicht eine Mischung aus allem?

Im Rahmen der „Bull Jumping Ceremony“ besteht ein junger Mann im Idealfall die Probe, über mehrere dicht aneinander gestellte und oft auch eingefettete Kühe und Ochsen zu laufen. Gelingt ihm dies, erhält er den Status eines Erwachsenen und tritt gleichzeitig in das heiratsfähige Alter ein. Weltweit gibt es je nach Kultur unterschiedliche Initiationsriten, diese ist eine davon. Das Auspeitschen der Hamar Frauen ist ein untrennbarer Bestandteil dieses Rituals. Während der Zeremonie, der ich beiwohnte, wurden auch Hamar Frauen und Männer der umgrenzenden Dörfer eingeladen. Durch das sich zur Verfügung stellen um Schmerz zu erfahren und, noch wichtiger, ihn auch auszuhalten, zeigen die Frauen ihre Stärke und ihre Loyalität. Je tiefer die Peitschenwunden am Ende auf ihrem Rücken zu sehen sind, desto „stärker“ gilt die Frau. Die Frau zeigt dadurch, was sie für die Männer bereit ist zu geben und bekommt dafür im Gegenzug (und im Idealfall) deren Unterstützung zurück. 

Ich sehe, wie sich die jungen Männer nun bemalen. Auch manches Gesicht der Frau erhält eine Verzierung. Ich sitze dabei neben einer jungen Mutter, deren glasige Augen verloren in das Lagerfeuer vor ihr blicken. An ihrer nackten Brust säugt ein kleines Baby. Mein Blick schweift seitlich vorsichtig auf ihren Rücken. Die Peitschenhiebe haben Stücke an Fleisch nach oben mitgerissen. Ihre Narben sind mit Erde und Asche versehen. Wohl um eine besondere wulstige Narbe in der Folge entstehen zu lassen. Eine Weile später sehe ich den Protagonisten der Zeremonie. Er trägt sein Haar lange und an der Seite abrasiert. Dadurch hebt er sich deutlich von dem Rest der Gesellschaft ab. Nach einigen Ritualen springt er über den Rücken der Tiere. Meine Gedanken sind, so wie sie es auch tagelang noch bleiben werden, bei dem Auspeitschen der Frauen. Noch nie zuvor hatte ich derartiges erlebt und brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass eine Wertung aus weiblich emanzipierter Sicht des Westens hier fehl am Platz ist. 

Während der gesamten Zeremonie wird meine Anwesenheit von den Hamar nicht beachtet. Es scheint auch keinen starren Verlauf des Tages zu geben. Ab und an hieß es einfach nur „abwarten“. Als die nahende Nacht nicht mehr zu leugnen ist, das Tageslicht immer weniger wird und die Stimmung sich immer mehr aufheizt, gibt mein Fahrer mir ein Zeichen, zu gehen. „Too dangerous“, sagt er noch, bevor wir im Jeep das Dorf der Hamar hinter uns lassen.